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Service

Das System überwinden

Friedrich Blaha

Friedrich Blaha

Flexible Veränderung durch Nahtstellenorganisation

Herr Blaha, als Familienunternehmen verbinden Sie Innovation mit Tradition. Logische Konsequenz oder Widerspruch?
Tradition und Innovation müssen kein Widerspruch sein. Vorausgesetzt, dass Tradition auch die Veränderung als Teil ihres Ganzen vorsieht und Veränderungsprozesse in der jeweils notwendigen Geschwindigkeit zulässt. Die Herausforderung liegt darin, einen Mittelweg zwischen klassischer, unflexibler Tradition und Veränderungschaos zu finden.

Was ist Ihrer Meinung nach wichtiger: eine Kultur oder Prozesse für Innovation in der Organisation zu verankern?
Eine Organisation benötigt klare Prozesse und Strukturen. Wobei bei der Problemlösung immer zuerst die Prozesse (Arbeitsabläufe) und dann die Strukturen (Personal- und Arbeitsmittel) geklärt und festgelegt werden. Parallel wird für das Zusammenleben der Mitarbeiter/innen eine Firmenkultur bzw. Firmenethik benötigt. Firmenkultur und Ethik kann nur von den Menschen ausgehen. Die einfachste und kompakteste Ethikregel ist das 5. Gebot Gottes: »Du sollst nicht töten«. Im Berufsleben heißt dies: Du sollst nicht mobben, zahle deinen Lieferanten den rechten Preis, ziehe deine Kunden nicht über den Tisch, verspekuliere nicht die Arbeitsplätze und Pensionen deiner Mitarbeiter/innen (Enron, BAWAG etc.), fördere deine Untergebenen und Kolleginnen/Kollegen bestmöglich etc.

Wie gewinnen Sie Commitment für Veränderung und Innovation auf allen Organisationsebenen?
Wir haben eine neue Organisationsstruktur entwickelt, die als wichtigste Firmenressource den Mensch in den Mittelpunkt stellt. Wir glauben an die Beweglichkeit und Kreativität unserer Mitarbeiter/innen. Die Umsetzung dieser Organisationsprinzipien in den Unternehmen setzt eine völlig neue Führungskultur voraus, eine Führungskultur, die den Menschen nicht einsetzen und regieren, sondern zur Selbstorganisation entwickeln will. Führen heißt nicht mehr anordnen, sondern zuhören und vereinbaren. Führen heißt nicht kontrollieren, sondern zuverlässig alle Arbeitsfaktoren rechtzeitig bereitstellen und damit ermöglichen, dass das Vereinbarte geschehen kann. Man führt nicht die anderen, sondern man führt für die anderen und schuldet ihnen ununterbrochene Arbeitsabläufe, Erleichterungen der Arbeit und ein hohes Maß an Selbstorganisation. Selbstverständlich werden auch die Spielregeln vereinbart. Der Führende lässt dann das Spiel wie der Schiedsrichter laufen und greift nur noch bei einem Regelverstoß ein.

Blaha hat einen radikalen Paradigmenwechsel vom produktionsorientierten zum kundennutzenorientierten Unternehmen vollzogen. Was waren dabei Ihre wichtigsten Ziele und Lösungsansätze?
Unser wichtigstes Ziel war es, uns klar zu machen »was ist das Ziel des Unternehmens«. Wir konnten uns mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf ein gemeinsames Hauptziel einigen: »Unser Ziel ist Geld verdienen«. Nur wenn das Unternehmen Geld verdient, kann es angemessen Löhne bezahlen, kann notwendige Investitionen tätigen, zum Wachstum und Absicherung der Arbeitsplätze etwas beitragen und kann auch einen Teil in soziale oder umweltorientierte Projekte lenken.
Wir leben zwei Lösungsansätze permanent:
> Wir sind bereit, jederzeit unsere Denkstruktur zu verändern. Die Frage: »Geht es besser?« muss durch die Frage »Geht es anders nicht viel besser?« ersetzt werden.
> Paradigmenwechsel müssen jederzeit möglich sein und dürfen kein Tabu sein. Einer dieser Paradigmenwechsel war der Wechsel in der Arbeitsorganisation, weg von der fremdbestimmten Arbeit, hin zur Mitarbeiter/innen-Selbstorganisation (Teamarbeit).

Seit 1996 ist das Unternehmen als »Nahtstellenorganisation« bzw. »fraktale Fabrik« aufgestellt. Was bedeutet dies in der Praxis?
Fraktal heißt für mich selbstähnlich. Eine fraktale Fabrik hat auf allen Ebenen eine Organisation nach denselben Prinzipien. Jedes Team hat seine individuellen Arbeitsaufgaben, die sie »zu leisten und zu verantworten« hat. Teams arbeiten mit Teams zusammen. Die Übergabe des Fertigungsprozesses an das nächste Team nennen wir Nahtstelle. Wie die Teams sich dort begegnen, wird in Nahtstellenvereinbarungen niedergeschrieben. Die Summe aller Nahtstellenvereinbarungen ergibt die Firmenorganisation.

Worin sehen Sie die besonderen Vorteile dieser Organisationsform für KMUs?
In sich rasch wandelnden Märkten ist es für das Management unmöglich, den Informations- und Kommunikationsbedarf für alle sich einstellenden Situationen voraus zu bestimmen und in einer optimalen Aufbau- und Ablauforganisation zu verankern. Durch die Einführung der Prinzipien der Selbstorganisation, der Selbstoptimierung, der Eigenverantwortlichkeit und der Kunden-Lieferantenbeziehung ist das Unternehmen flexibel genug, um sich Veränderungen rasch anzupassen.
Teamorganisation heißt in seiner konsequenten Ausprägung, dass das Tagesgeschäft führungskräftefrei ist. Dabei verlieren die Führungskräfte nicht ihren Job, sondern sie können sich endlich ihren eigentlichen Aufgaben widmen, wie zum Beispiel Mitarbeiter/innen coachen, in Projekten mitarbeiten, Technologieverbesserungen einführen. Den »Held der täglichen Krise« zu spielen, gehört nicht mehr zu ihren Aufgaben!

Warum fällt Innovation vielen Unternehmen so schwer?
Vielleicht sind manche Unternehmen zu stark auf Ihre eigenen Fähigkeiten und die eigene Branche konzentriert und übersehen dadurch Lösungen, die bei Ihren Kunden neue Bedürfnisse hervorrufen könnten. Um Innovationen umzusetzen kann es hilfreich sein, sich vom eigentlichen Problem zu lösen und der Aufgabe spielerisch zu begegnen. Auch hier gilt das oben Gesagte: Um wirklich einen großen Schritt vorwärts zu kommen bzw. neuartige Innovationen zu finden, muss man bereit sein, seine Denkstrukturen zu ändern und Paradigmen zu wechseln. Nicht die Systemoptimierung, sondern die Systemüberwindung führt zu Neuem.

Wie erschaffen Sie ein Arbeitsumfeld, das Innovation und Kreativität fördert? Welche Tipps haben Sie in Punkto Raumgestaltung für andere Unternehmen?
Zunächst ist es wichtig die richtige Basis herzustellen, und das bedeutet, dass die Menschen im Unternehmen sich selbst bewusst sein müssen, wer sie sind. Darauf aufbauend können wir dann unsere Kunden bei der Auswahl passender Möbel, stimmiger Farben und Materialien unterstützen, um ein individuelles Arbeitsumfeld zu gestalten. Um ein inspirierendes Ambiente zu schaffen, lohnt es sich auch mal tradierte Pfade zu verlassen und Neues, Ungewohntes auszuprobieren. Das bringt Leben in den Alltag und liefert Gesprächsstoff für Sie und Ihre Kunden. Für extrem innovative Unternehmen entwickeln wir heute bereits eigene Innovationsräume, um den Menschen eine kreativitätsfördernde Umgebung zur Verfügung zu stellen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Unternehmensprofil
Blaha Büromöbel  (Franz Blaha Industrieges.m.b.H. Korneuburg) gehört mit einer Produktpalette, die die Erzeugung von Büromöbeln sowie die Planung, Gestaltung und Einrichtung von Büroräumen umfasst, zu den führenden österreichischen Büromöbelherstellern. Das Familienunternehmen wurde 1933 von Franz Blaha gegründet und wird heute von seinem Sohn Friedrich Blaha geführt.
Mit einer eigenen Produktionsphilosophie, die sich durch extrem tiefe Fertigung, Teamarbeit und kurze Durchlaufzeiten auszeichnet, kann Blaha dem Kunden eine Lieferzeit von 9 Tagen garantieren. Neben der Kernkompetenz »Schnelligkeit« bietet das Unternehmen ergonomische, gesamtheitliche Planung von Büroarbeitsplätzen und Räumen an.
Mit zahlreichen neuen Produktlinien gelang es dem Unternehmen, das mit 115 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern 16,4 Mio. Euro Umsatz erzielt, auch international Aufsehen zu erregen. Um dies auch für die Zukunft sicher zu stellen, hat das Unternehmen eine Design- und Innovationsoffensive gestartet. Neben dem vorhandenen Forschungs- und Entwicklungsbereich wurde eine eigene Designgruppe installiert, die mit internationalen Designern und Entwicklern Kooperationen eingeht.
Ein besonderes Highlight ist das Blaha Büro Ideen Zentrum in Korneuburg. Auf einer Fläche von 3.500 m2  kann die Besucherin/der Besucher in die Welt des Büros eintauchen. Aktuelle Arbeitsplatzlösungen, sowie Zukunftstrends können in diesem Innovationszentrum live erlebt werden. Ein Teil des Gebäudes wurde als Kommunikationsplattform unter der Bezeichnung »FORUM 21« eingerichtet. Hier werden laufend Vorträge, Seminare und Events veranstaltet. Jährlich nehmen ca. 5.000 Interessierte an diesen Veranstaltungen, die zum Großteil von Blaha gesponsert werden, teil.
www.blaha.co.at

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