Alle reden über KI. Die wenigsten meinen dasselbe.

In den letzten Monaten habe ich mit vielen Führungskräften über KI gesprochen. In Erstgesprächen, in Mandaten, bei Netzwerkveranstaltungen. Fast alle sagen: „Wir nutzen KI bereits aktiv."

Wenn ich dann nachfrage, was genau, kommt meistens dasselbe. Dashboards schneller erstellen. E-Mails vorformulieren. Meetings zusammenfassen. Recherchen beschleunigen.

Das ist nicht falsch. Aber es ist auch nicht das, worüber wir eigentlich sprechen sollten.

Die KI-Illusion im Management

Diese vier Anwendungen haben sich als Standard etabliert . Sie sind zugänglich, sofort nutzbar und liefern sichtbare Zeitgewinne. Das soll jetzt nicht als Vorwurf verstanden werden.

Aber sie haben eine gemeinsame Eigenschaft: Sie machen bestehende Prozesse nur schneller. Sie verändern sie nicht.
Wer KI nur dort einsetzt, arbeitet effizienter aber nicht anders. Das Potenzial, das Unternehmen wirklich differenziert, liegt eine Ebene tiefer. Und dort sind bisher erschreckend wenige Führungskräfte angekommen.

Das zeigen aktuelle Zahlen eindrücklich: 86 Prozent der befragten Führungskräfte sind laut einer Studie von Stifterverband und McKinsey & Company (Januar 2025) der Meinung, dass ihre Unternehmen das Potenzial von KI noch wesentlich besser nutzen könnten. Als zentrales Hindernis nennen sie fehlende strategische Planung. Die Quote mag sich im Lauf des Jahres 2025 zwar verbessert haben, aber ich nehme sie noch immer als zu hoch wahr.
Quelle: Stifterverband & McKinsey & Company, Januar 2025

Was die nächste Stufe wirklich bedeutet

Zwei Konzepte, die in Führungsgesprächen noch kaum auftauchen, obwohl sie bereits heute umsetzbar sind:

  • KI-Agenten

Ein KI-Agent ist kein Chatbot, dem man Fragen stellt. Er ist ein System, das eigenständig Aufgaben ausführt, Entscheidungen trifft und mit anderen Systemen interagiert, ohne dass ein Mensch jeden Schritt begleitet.

Konkret: Ein Agent überwacht kontinuierlich Lieferkettendaten, erkennt Abweichungen, löst definierte Eskalationsprozesse aus und informiert die zuständige Führungskraft. Nicht mit einem Datenberg, sondern mit einer klaren Handlungsempfehlung.

Das ist kein Zukunftsszenario. Laut dem „New-Gen Supply Chain Report 2025" von Capgemini glauben 67 % der befragten Führungskräfte, dass Agentic AI die Produktivität direkt steigern wird. 58 % sind überzeugt, dass sie Supply-Chain-Frameworks grundlegend transformieren wird. Trotzdem haben erst 14 % der Unternehmen KI-Agenten überhaupt im Einsatz, davon nur 2 % in vollem Umfang.
Wer das heute bereits implementiert, baut einen Vorsprung auf, der sich nicht so leicht aufholen lässt.
Quellen: Capgemini – Next-Gen Supply Chain 2025 | Capgemini – Rise of Agentic AI

  • Enterprise KI-Architektur

Hier geht es um die strategische Frage: Wie ist KI in unserem Unternehmen strukturell verankert? Welche Daten fließen wohin? Welche Prozesse werden durch KI-Systeme gesteuert – und wer trägt dafür Verantwortung?
Das klingt nach IT. Es ist aber eine Führungsentscheidung.

Wer diese Fragen der Technik-Abteilung überlässt, ohne selbst ein Grundverständnis mitzubringen, gibt strategische Gestaltungsmacht ab. Nicht böswillig, aber folgenreich. Die Managementberatung Horváth warnt in ihrer Studie explizit davor: KI-Investitionen drohen in vielen Unternehmen zu „versickern", weil sich die Maßnahmen verdoppelt haben, Budgets aber nur um 30 Prozent stiegen und ein klarer strategischer Fokus fehlt. Denn die wichtigste Frage die es hier zu beantworten gilt ist jene: Welchen Teil der KI Architektur gebe ich in die Hände Dritter und welchen Teil behalte ich in meinem Unternehmen? Mehr dazu werde ich in einem separaten Blogbeitrag behandeln.
Quelle: Horváth – KI-Investitionen drohen zu versickern

Warum so wenige Führungskräfte dort bereits stehen

Erstens: Zeitmangel. Wer täglich im operativen Geschäft steckt, kommt selten dazu, eine Ebene höher zu denken. Das ist kein Versagen, das ist Alltag.

Zweitens: Fehlendes Grundverständnis. KI-Agenten und Systemarchitekturen klingen technisch. Viele Führungskräfte fühlen sich nicht zuständig, oder nicht kompetent genug, um die richtigen Fragen zu stellen. Dabei braucht es kein Ingenieurswissen. Es braucht strategisches Neugier-Denken. Laut Stifterverband und McKinsey nennen Führungskräfte mangelnde strategische Planung und fehlende Lernangebote als häufigste Barrieren.
Quelle: Stifterverband & McKinsey & Company, Januar 2025

Drittens: Falsche Zuständigkeit. „Das macht bei uns die IT" ist ein Satz, den ich zu oft höre. KI-Architektur ist kein Infrastrukturprojekt. Es ist ein Geschäftsmodell-Thema. Und damit Chefsache. Laut einer Erhebung des IW Köln (2025) setzen nur 6 % der befragten Unternehmen KI in mehreren Unternehmensbereichen gleichzeitig ein. Chatbots allein sind, wie es dort heißt, noch keine KI-Transformation.
Quelle: IW Köln – KI als Wettbewerbsfaktor, 2025

Was jetzt konkret zu tun ist

Drei Schritte, die keine großen Ressourcen brauchen aber einen klaren Entschluss:

  1. Verstehen, bevor delegieren. Nehmen Sie sich vier Stunden, nicht für ein Seminar, sondern für gezielte Gespräche. Mit jemandem aus Ihrem Netzwerk, der KI-Agenten bereits einsetzt. Was läuft? Was nicht? Was würden sie anders machen?
  2. Eine konkrete Prozessfrage stellen. Nicht: „Wo können wir KI einsetzen?" Sondern: „Welcher Prozess in unserem Unternehmen kostet unverhältnismäßig viel menschliche Aufmerksamkeit und ist dabei regelbasiert genug für Automatisierung?" Diese Frage führt schneller zu echten Antworten.
  3. KI auf die Agenda der Geschäftsleitung setzen. Nicht als Trendthema. Sondern mit einer klaren Frage: Haben wir eine KI-Strategie? Und wenn ja, wer verantwortet sie wirklich?

Wer heute nur über Dashboards und E-Mail-Entwürfe spricht, hat KI noch nicht wirklich auf der Agenda. Er hat ein besseres Werkzeug, aber keine neue Denkweise.
Der Unterschied zwischen beiden wird in den nächsten zwei bis drei Jahren sichtbar werden. In Marktanteilen, in Reaktionsgeschwindigkeit, in der Qualität von Entscheidungen.

Die Frage ist nicht, ob Ihr Unternehmen KI nutzt. Die Frage ist, auf welcher Ebene.

Wo steht Ihr Unternehmen gerade – Oberfläche oder nächste Ebene?

Mag. Markus Mülleder, MBA, Managing Partner, Geschäftsführender Gesellschafter
Managing Partner, Geschäftsführender Gesellschafter

Begeisterung ist unser Antrieb.

03.03.2026

Alle reden über KI. Die wenigsten meinen dasselbe.

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